Das Buch über die Liebe
aus dem Weltbestseller
»Das Lavendelzimmer«

Nina George Südlichter Nina George Südlichter
NINA GEORGE

SÜDLICHTER

Alles hängt mit allem zusammen, sagt die Liebe.

Ich weiß, sagt der Tod.

Das ist grauenhaft unlogisch, sagt die Logik.

Der Olivenbaum dachte sich dazu seinen eigenen Teil.

Kapitel 1. Die Liebe und das Mädchen

 

Marie-Jeannes Wiege stand unter einem Olivenbaum mit weit ausgebreiteter Krone, von dem manche sagten, er sei älter als achthundert Jahre, was er weder bestätigte noch verneinte (in seinem Alter redete man eh nicht mehr über das Alter).
Marie-Jeanne amüsierte sich prächtig über das silbrige Rascheln der Blätter, sie lächelten in der morgendlichen Brise des Pontias-Windes. Ein Nyonser Phänomen, ein Rest Magie in einem vorgeblich unmagischen Jahrhundert; der Wind war der ruhige Atem der vier Gebirgsrücken Essaillon, Garde Grosse, Saint-Jaume und Vaux, die Nyons schützend umstellten. Diese Berge, die am Morgen ausatmeten und das Tal entlang des Flusses Eygues mit den Kräuterdüften und der Kühle der Bergnächte erfrischten. Immer um dieselbe Zeit und nur für exakt eine halbe Stunde. Und die am Abend, nach Sonnenuntergang, wieder einatmeten. Dann schien der Windzug aus den Calanques und salzigen Buchten des fernen Meeres geschöpft worden zu sein, der kühle Luftstrom ließ den Lavendel und die wilde Minze duften und erlöste den Tag von der brütenden Hitze.Von der Küche aus – dem Lebensraum, wie ihn alle mazets in den Berghängen der Drôme Provençale besaßen, ein Raum zum Kochen, Reden, Schweigen, Geborenwerden und Auf-das-Ende-Warten – konnte Marie-Jeannes Großmutter Aimée Marie-Jeannes Wiege sehen, während sie zwischen dem Holzfeuer des Herds und dem Tisch hin und herging.
Aimée legte eine viel genutzte, geriffelte Tarteform mit Kartoffelscheiben, schwarzen Tanche-Oliven, Auberginen und frischem, rosenfarbenem Knoblauch aus, übergoss alles mit seidenweichem, heugrünem Olivenöl und hob kleine frischweiße Ziegenkäse aus der fromagerie aus einer Tonschale. Dann zerrieb sie getrockneten, zart nach Limonen duftenden Wildthymian zwischen den Fingern, den sie am Abend zuvor gepflückt hatte. Milch kühlte auf dem Fensterbrett in einem Topf ab, bald war es Zeit, Marie-Jeanne konnte durchaus energisch werden, wenn ihre Großmutter sich mit dem Mittagessen zu viel Zeit ließ. Immer wenn Aimées tausendfaltiges Gesicht sich ihrer Enkelin zuwandte, klärte es sich von der arbeitsamen Konzentration, die harten Falten nahmen die jungen Züge der Zärtlichkeit an.
Der alte, stolze Olivenbaum sang weiter sein Chanson für das Mädchen unter ihm, er sang das geheime Lied der Zikaden, dein Licht macht mich singend, er kitzelte ihre Nase und Wangen mit einem Spiel aus Schatten und Licht und ergötzte sich an den Fingerchen, die nach der atmenden Pontias-Brise griffen, am kullernden, gurgelnden, molligen Lachen aus der Mitte des winzigen Bäuchleins. Marie-Jeanne. Aimée.
Sie waren einander ihre ganze Welt. Aimée für Marie-Jeanne, und Marie-Jeanne für Aimée.
Liebe.
Ich sah ihr zu, Aimée, die ich vor vielen Jahren zuletzt berührt hatte, aber sie sah mich nicht. Kein Mensch vermag mich zu sehen, obgleich kein Mensch mich nicht kennt.
Ich bin das, was ihr die Liebe nennt.

 

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Über die Autorin

Nina George

Nina George / Foto: Helmut Henkensiefken

Die mehrfach ausgezeichnete internationale Bestsellerautorin und freie Journalistin Nina George, geboren 1973 in Bielefeld, schreibt seit 1992 Romane, Sachbücher, Essays, Reportagen, Kurzgeschichten, Blogs und Kolumnen. Ihr Roman Das Lavendelzimmer wurde in 36 Sprachen übersetzt und eroberte weltweit die Charts, so etwa die New York Times-Bestsellerliste in den USA.

Das Lavendelzimmer       Little Paris Bookshop

Mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Jens J. Kramer, schreibt Nina George als Jean Bagnol Provencethriller. Sie lebt in Berlin und in der Bretagne. 

Mehr über Nina George:

Offizielle Webseite

Interview mit Nina George zum neuen Roman, Südlichter

 

1) Woher kennen wir das Buch Südlichter bereits? Und wie kam es dazu, dass es nun veröffentlicht werden konnte?

Nina George: Der Pariser Buchhändler Jean Perdu aus meinem inzwischen in 37 Sprachen erschienenen Roman Das Lavendelzimmer, verkauft auf seinem Bücherschiff, der »Literarischen Apotheke«, Bücher wie Medizin für die Seele – aber nicht jedes Buch hilft bei jedem verborgenem Leiden. Kundig wählt er jene Werke aus, die die allzu menschlichen Sehnsüchte und Furchtsamkeiten kurieren, nur für ihn selbst gibt es kein Buch, das ihn von seiner Angst, noch einmal zu lieben, heilen kann. Er selbst hält sich seit zwanzig Jahren an einem schmalen Buch aus den 80er Jahren fest: »Südlichter« von dem unbekannten Schöpfer mit dem nom-de-plume (frz. für „Pseudonym“) »Sanary«. Perdu geht auf die Suche nach dem Autor und wird auf seiner Reise vom Leben und von der Wahrheit überrascht …

Südlichter war das letzte Buch, das Jean Perdu mit seiner großen Liebe Manon las, bevor sie eines Morgens wortlos verschwand. Es erzählt von Liebe und Süden, von der Alchemie der Bücher, es ist ihm Hoffnungs-, Flucht- und Erinnerungsort. Es erscheint ihm, als sei es nur für einen einzigen Menschen geschrieben worden.

Doch dieser französische Roman aus den frühen 80er Jahren existierte nur in meiner Fantasie.

Ich erhielt im Laufe der weltweiten Veröffentlichung des "Lavendelzimmers" ungeduldige, irritierte und fordernde Leserinnenbriefe aus Ohio, von der Isle of Skye, aus Johannisburg oder Australien, wo denn bitte sehr diese Südlichter verflixt noch mal zu finden seien? Antiquarisch vielleicht?

Südlichter, ein verschollenes, ungeschriebenes Werk, entstand also, weil die Leserinnen auf der ganzen Welt es vermissten. Ich übrigens auch: Ich wollte mir selbst ein Buch schreiben, in das ich mich hinein flüchten kann, darin wohnen, ich wollte die Liebe zu Wort kommen lassen und ihre geheime Beziehung zu Büchern.

Die Herausforderung lag darin, werktreu zu bleiben. Wer war »Sanary«? Anfang Zwanzig, sehnend nach jemandem, der ihm oder ihr die Welt ist, irgendwo im Frankreich der späten 70er Jahre, Wildpferde im Herzen, eine Schreibmaschine unter den Fingern. »Sanary« schrieb das Buch nur für einen einzigen Menschen, einen einzigen langen Brief an nur ein klopfendes Herz. Und genauso schrieb ich es, die erste Fassung in 37 Tagen, wie einen einzigen zweihundert Seiten langen Brief einer jungen Frau an einen fernen Mann, atemlos und ohne abzusetzen, ohne zu korrigieren. Erst in der zweiten Fassung wurde ich wieder zu mir selbst und konnte aus diesem »Liebes-Brief« einen »Liebe-Roman« machen.

 

2) »Südlichter« ist eine Geschichte über die Liebe in all ihren wunderbaren Gestalten. Welche sind es zum Beispiel?

Nina George: Wir machen uns unendlich viele kluge und auch erstaunlich dämliche Gedanken und Vorstellungen über die Liebe. Doch was denkt die Liebe über uns? Das wollte ich schreibend erkunden, und habe »Südlichter« aus der Sicht der Liebe erzählt, die auf uns Menschen schaut und sich bisweilen doch sehr wundert, was wir so alles mit ihr anstellen. Sie verschwenden,ignorieren, uns vor ihr fürchten… aber warum treffen zwei Menschen, die füreinander das größte Glück, die schönste Katastrophe, die schmerzhafteste Unmöglichkeit sind, überhaupt aufeinander? Warum so spät, so früh, warum, wenn es gerade leider gar nicht passt, und wieso muss Liebe auch nicht in eine Ehe münden – sondern kann in einem einzigen Nachmittagsspaziergang oder achthundert Briefen ohne einem einzigen Kuss, ihre ganze Erstaunlichkeitentfalten? Liebe hat viele Gesichter. Die der Freundschaft, der verzweifelten Unmöglichkeit, der Elternliebe, der Liebe zur Menschheit, zu Büchern. Liebe legt sich über die Orte, an denen man gemeinsam war, und in Gedanken wird man immer noch geliebt, selbst wenn der andere gegangen ist. Vermutlich ist Lieben das einzig Sinnvolle, was wir füreinander in einem Leben tun können.

 

3) Marie-Jeanne, die Heldin des Romans, hat eine besondere Gabe: Was bedeutet sie für ihr Schicksal und das anderer?

Nina George: Der Dichter Rumi schrieb einst: »Liebende treffen sich nicht irgendwann irgendwo. Sie sind schon immer verbunden«. Wie herrlich einfach das Liebesleben wäre, wenn man folglich vorher wüsste, wer die eine große Liebe ist, nicht wahr? Nicht unbedingt wahr: Marie-Jeanne entdeckt, dass sie die einzige ist, die diese sonst unsichtbaren Verbindungen, die Südlichter, wie sie sie nennt, zwischen Liebenden sehen kann. Selbst, wenn diese einander noch gar nicht kennen. Doch was fängt man damit an, wenn man erst 12 Jahre und Überlandbibliothekarin in Ausbildung ist? »Oh, Bonjour Madame, da drüben am Ziegenkäsestand, ja, genau, der aus Paris zugezogene Schriftsteller Monsieur Finkielkraut, das ist übrigens der Mann Ihres Lebens.« Vor allem muss Marie-Jeanne feststellen, dass das Schicksal, der Zufall und sogar die Liebe selbst es den Liebenden eben ungern einfach machen …

 

4) Die Geschichte entführt uns in den Süden Frankreichs, die Provence. Warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt?

Nina George: Die Drôme Provençale ist das Tor zu Frankreichs Süden. Ein auch heute noch vom Tourismus gnädig übersehenes Lavendelparadies voller Obst- und Olivenbäume, hoher, stiller Berge und kräuterduftiger Täler, melancholischer Gipfelfriedhöfe und unvergesslich klarer Sternenhimmel. Entfernungen werden nicht in Kilometern, sondern in Zeit angegeben, die Dörfer sind schwer erreichbar, es liegt tiefer Frieden über dem Land. Ich suchte einen Ort voller Sehnsucht, wo Magie und Märchen noch Raum haben. Ich hatte, bevor ich die ersten Sätze schrieb, immer ein bestimmtes Bild vor Augen: Eine junge Frau, die auf einen hohen Berg steigt, um dort oben eine für sie elementare Entscheidung zu treffen, atemlos in großer Höhe, umfangen von Himmel und Zauber, einsam, frei und wild entschlossen. Landschaften spiegeln in meinen Romanen die innere Beschaffenheit der Charaktere. Die Gegend um Nyons und Condorcet, die Berge wie der Lance, sind so natürlich und ehrlich wie Francis, so schartig wie Elsa, so duftend wie Loulou, so liebend wie Marie-Jeanne.

 

5) Eine Schlüsselrolle kommt den Büchern zu. Welche Wirkung trauen sie der Literatur zu?

Nina George: Jüngst schrieb mir eine Kanadierin, sie habe nach der Lektüre von Die Mondspielerin ihren Job gekündigt und sei in die Bretagne umgezogen und nun endlich glücklich. Eine Frau aus Amerika schrieb mir, ihre Mutter habe keine Angst mehr vor dem baldigen Tod gehabt, nachdem sie Das Traumbuch gelesen habe. Ein junger Mann aus England hat seine Banklehre abgebrochen und einen Buchladen aufgemacht, nach der Lektüre des „Lavendelzimmers“. Und das sind nur drei von etwa fünfzig, sechzig lebensverändernden Begebenheiten, die mir in den letzten acht Jahren erzählt worden sind, nachdem jemand einen meiner Romane las. Ich bin mir sicher, solche Auswirkungen haben nicht nur meine Bücher.

Bücher sind die letzte große Alchemie unserer Zeit. Sie können erreichen, dass Menschen ihr uneigentliches Leben verlassen, um ihr eigentliches zu finden. Und sind Bücher nicht die letzten Orte der Welt, in denen sich Menschen und Zeiten, Landschaften und Gefühle treffen, die einander sonst selten oder nie begegnen? Sie erschaffen, sie verwandeln, sie besiegen die Zeit, den Tod und die Angst. Sie schaffen unsichtbare Realitäten. Sie sind die stillen Türen, durch die wir gehen, um bei uns selbst anzukommen.

Bücher sind so nötig wie Lebensmittel. Es ist geradezu erstaunlich, dass Bücher und Brot voneinander getrennt verkauft werden. In Büchern lernt man Gefühle kennen, die man selbst vielleicht nie haben wird;andere Kulturen, neue Variationen von Lebenswegen, man lernt, wie andere Menschen fühlen und das schult wiederum den eigenen Sinn für Empathie und Nachsicht. Man geht besser miteinander um. Ich glaube fest daran: Wer liest, der lebt - wer nicht liest, weiß nicht, was er alles vom Leben und Menschsein verpasst.

Und: Bücher sind Gegengift der Tyrannei. Warum sonst werden sie als erstes von Diktatoren verboten? Bücher sind eben auch gefährlich: Sie machen den Menschen unabhängig. Wir sollten alle dafür sorgen, dass es weiter genügend Schriftstellerinnen und Schriftsteller gibt, und uns diesen Schatz der Zivilisation, der Demokratie, des Daseins, erhalten. Was hilft: Bücher kaufen, auch die, die schon ein bisschen länger gelebt haben als andere…

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Zehn Buchempfehlungen von Nina George

Die literarische Apotheke

Südlichter ist ein Buch über die Liebe - auch über die Liebe zu Büchern. Der Roman steckt voller Leseempfehlungen und setzt die Idee der "Literarischen Apotheke" aus Das Lavendelzimmer fort. Nina George hat einige Buchtipps daraus zusammengestellt. Immer wöchentlich bis 12. Oktober wird hier eine neue Empfehlung erscheinen.

BUCHTIPP 9: Virginia Woolf, Ein eigenes Zimmer und Rumi, Durchwachte Nacht

 

Rumi, Nacht, Woolf, Zimmer

Für wen sind diese Bücher?

Indikation / Anwendungsbereiche

Beide Werke sind als Paralleleinnahme oder getrennt voneinander anwendbar. Für alle, die nach den unendlichen Möglichkeiten im Leben suchen und die sich dem allzu oft steinigen Weg dorthin mit großer Empathie öffnen.

Inhaltsstoffe:

  • Verbundenheit: Mystische, der Zeit entrückte Verse aus dem Persien des 13. Jahrhunderts, die von der Liebe und ihrer Erhabenheit über jedes Schicksal erzählen (Rumi)
  • Freiheit: Ein Essay, der sich einer einzigen Frage widmet: Was brauchen Frauen, um sich künstlerisch oder geistig zu entfalten? Die Antworten, die Virginia Woolf 1929 formuliert, klingen bis in die Gegenwart nach.

Eine Schriftstellerin und ein Poet, die man durchaus als Getriebene bezeichnen kann. Zwischen ihnen: 600 Jahre. Und doch sind ihre Biographien ähnlich, stammen beide doch aus betuchtem Intellektuellen-Haus. Rumi, der Sohn eines gelehrten Theologen, und Woolf, die Tochter eines Schriftstellers und Historikers. Rumis Verse gehören zu bedeutendsten Überlieferungen seiner Zeit und auch Virginia Woolf wird sich konsequent dem Schreiben und Verlegen von Literatur widmen.

Wir stellen hier zwei Texte vor, die von ihrer Rezeption weit in unsere Zeit reichen, demnach viel zitiert werden, und deren Ursprung doch in tiefem Seelenschmerz zu suchen ist. Im Verlust eines geliebten Menschen und Vorbilds und in dem Gefühl, ausgegrenzt zu sein, nicht dazu zu gehören.

Rumi wählt die Poesie zu seinem Stilmittel und wird sein 25.000 Zeilen umfassendes Meisterwerk Diwan-e Schams-e Tabrizi seinem Freund und Lehrer widmen, der eines Tages aus seinem Leben verschwand. Durchwachte Nacht ist eine Auswahl von Versen aus diesem Werk, eine Hymne auf die Liebe, und seit Jahrhunderten Nachschlagewerk für verzweifelt Liebende, die vor dem weißen Briefpapier zögern, welche Worte sie wählen sollen.

Virginia Woolf benutzt die Form des Essays, um ihrem scharfen Verstand pointiert Gehör zu verschaffen. Ein eigenes Zimmer (Übersetzung: Heidi Zernig): Schon der Titel lasst erahnen, dass sich nichts Triviales dahinter verbirgt. Zeitlebens fremdelte Virginia mit dem Begriff „feministisch“, aus Sorge, von Kritikern in eine Schublade gesteckt zu werden. Ihr Essay gehört trotzdem zu den gefeierten Texten der Frauenbewegung.

Nebenwirkungen:

Der Wunsch nach Rückzug in die Privatsphäre oder wahlweise in das eigene Ich wird sich alsbald einstellen. Verbunden mit der Entdeckung der eigenen Kreativität, die sich aus kontemplativem Nichtstun spontan einstellen kann. Daher sind beide Werke mit Vorsicht zu genießen, wenn die Entdeckungsreise in die Welt der eigenen, bisher ungenutzten Möglichkeiten als zu bedrohlich empfunden wird …

Wechselwirkungen mit Südlichter:

Rumis Verse (von der englischen Übersetzung durch Coleman Barks von Christoph Engen ins Deutsche übertragen) werden als Verständnisschlüssel zum Wesen der Südlichter zitiert: „Liebende treffen sich nicht irgendwann irgendwo. Sie sind schon immer miteinander verbunden.“  Die Kalligrafin Collette bezeichnet dies als Wunder, das zu schön ist, um wahr zu sein. Sie selbst ist aus einer Ehe mit einem Mann, der eifersüchtig war auf ihre Lektüren und geliebten Autorinnen und Autoren, geflohen. Auch deswegen – der Eifersucht auf die Literatur, ob gelesen oder verfasst – kommt Virginia Woolf als Schriftstellerin vor. Ihre Werke gehören zu jenen Manifesten selbstständiger Weiblichkeit, die besonderen Eindruck bei der jungen Marie-Jeanne hinterlassen, und von den Eltern der jungen Erwachsenen in Nyons misstrauisch betrachtet werden.

Dosierung:

Statt einer Dosierung empfehlen wir ausnahmsweise eine „Art der Anwendung“: Bevorzugt im öffentlichen Raum, in S- und U-Bahnen, Zügen, Cafés sind diese kleinen Bändchen mitzuführen, und zwar so, dass sich niemand in chiropraktisch-bedenklicher Verrenkung abmühen muss, die Titel zu lesen. Nachdem sie dekorativ und auffällig platziert wurden, kommt man schnell ins Gespräch – Literatur erfüllt ihre Rolle als Anstifterin zu lebhaften Diskussionen und angeregtem Austausch von Gedanken. Und wer weiß, zu was noch – was genau, das enthüllt das letzte Kapitel von Südlichter.

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BUCHTIPP 8: F. Scott Fitzgerald, Zärtlich ist die Nacht

 

Fitzgerald Zärtlich ist die Nacht

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche:

Akute Selbst-Entfremdung, Liebesverzweiflung, Happy-End-Müdigkeit. Besonders geeignet für Leserinnen und Leser mit Hang zur Gedankentiefe. Außerdem für alle, die die Hochglanz- und Regenbogenpresse (zum Beispiel beim Arzt- oder Friseurbesuch) lieben, die die Darstellung der „Reichen und Schönen“ fasziniert, da sie geübte Hinter-die-Fassaden-Guckerinnen sind. So bietet dieser Roman einen nahezu dokumentarisch-detailreichen Einblick in die verwundete Seele der „Lost Generation“ der 20er Jahre.

Inhaltsstoffe:

  • Sucht: Nach gesellschaftlichem Status, Alkohol und nach einander. Ein Glamour-Paar, das an sich selbst zerbricht.
  • Scheitern im großen Stil: In einem Vakuum nach Luft zu ringen – das ist das Schicksal der Hauptfigur Dick Diver.
  • Courage: Ein Roman, der bei seinem Erscheinen 1934 für Ratlosigkeit sorgte, da es nicht in das perfektionistische (Männer-)Bild seiner Zeit passte. Heute gelesen, macht dies genau seine Faszination aus.

Merkwürdig entrückt erscheinen die Figuren in Zärtlich ist die Nacht. F. Scott Fitzgeralds Spätwerk, das deutlich autobiografisch geprägt ist, wirkt wie eine einzige Party voller Gesprächsfetzen und ist reich an Momentaufnahmen von Gestik, Mimik und Rausch.

Das mondäne Vorzeige-Ehepaar Nicole und Dick Diver bewegt sich euphorisch auf dem High-Society-Parkett Europas, jenseits der amerikanischen Prohibition. Doch man kommt ihnen beim Lesen kaum näher. Die Entfremdung voneinander hat bereits vor längerer Zeit eingesetzt und wird im Laufe des Romans auf brillante Art mit den unterschiedlichsten Stilmitteln erzählt. Immer wieder entsteht eine Atmosphäre der Flüchtigkeit, wie sie kaum besser in der Literatur beschrieben wurde, von einem, der einst Teil dieser Glitzerwelt war.

Eine eigenwillige Romanstruktur, von der es zwei Fassungen gibt: die Originalfassung Fitzgeralds, die mit dem Höhepunkt der Handlung einsetzt, und eine posthum entstandene chronologische Fassung; Beide sind gleichermaßen faszinierend, offenbaren sie doch rückblickend oder linear erzählt eine brüchige Fassade: das einstige Schwärmen der jungen psychisch labilen Nicole für ihren Arzt, das raffinierte Spiel von Stärke und Schwäche, das ihre spätere Beziehung prägen wird.

Tatsächlich hat dieser zersetzende Machtkampf unter Liebenden einen authentischen Hintergrund, gab es doch einen erbitterten Streit zwischen Scott und seiner Frau Zelda Fitzgerald, die hier die Züge Nicole Divers trägt. Für seinen Roman bediente sich Scott ganz selbstverständlich Zeldas Briefe und Tagebucheinträge, die sie während ihrer Aufenthalte in der Psychiatrie verfasst hatte. Im wahren Leben konnte Zelda ihrem Mann allerdings mit einer eigenen Veröffentlichung zuvorkommen. Ihr autobiografischer Roman Ein Walzer für mich erschien 1932, zwei Jahre vor Zärtlich ist die Nacht, und ist seit 2011 in einer Neuübersetzung wieder lieferbar.

Nebenwirkungen:

Eine spontan-allergische Reaktion gegen alles Rastlose und Oberflächliche kann zu Luftnot und plötzlichem Verlassen von Partys führen. Dies passiert jedoch meist nur, wenn man als Hobbymisanthrop eine gewisse Vorbelastung mitbringt. In der Regel lernt man durch die Lektüre des großen menschlichen Beobachters Fitzgerald, auf die Körpersprache anderer zu achten und gesellschaftliche Anlässe als willkommene Gelegenheit zur Gedankenreise in die (Un-)Tiefen unserer Seele zu nehmen.

Wechselwirkungen mit Südlichter:

Fitzgeralds Zärtlich ist die Nacht wird erwähnt, als vom „ersten wilden Büchersommer“ in Nyons die Rede ist. Der Sommer, der die Menschen verändert, der sie zu Kurz-oder Langhaarfrisuren ermutigt, der die Hingabe feiert. Es ist auch eine Zeit des Aufbruchs für die Bewohner des kleinen Örtchens mitten in Südfrankreich. Für Marie-Jeanne ist ein verborgener Trost in dem Werk, das sie – aus heutiger Sicht – viel zu früh in ihrem jungen Leben liest: Liebe und Glück sind nicht käuflich – also unbestechlich und damit für jeden gleich schwer zu erlangen. Von da an will Marie-Jeanne ihr Leben lesend durchschwimmen, und merkt sich für die Zeit nach ihrem Tod schon mal vor, unbedingt mit den Fitzgeralds zu sprechen, wie das war: Schriftsteller sein …

Dosierung:

Dieser Roman ist eine Überdosis und dient daher zur Desensibilisierung vom Leid der Einschüchterung durch große Gruppen und Menschenansammlungen. Aufgrund seiner manchmal atemlosen Struktur empfiehlt sich eine ebenfalls schnelle Lektüre, quasi in Echtzeit, damit seine Authentizität besonders zur Entfaltung kommt.

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BUCHTIPP 7: Daphne Du Maurier, Rebecca

 

Du Maurier, Rebecca

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche

Bei akuter Eifersucht (eigener oder fremder), Herbstblues und Sehnsucht nach emotionaler Doppelbödigkeit. Wie weit würden Sie für die Liebe gehen – und was aus Eifersucht tun? Bei Angst vor Zerstörung der eigenen Beziehung und der schön eingerichteten Welt drumherum kann dieses Werk ebenfalls eine rechtzeitige Impfung sein.

Inhaltsstoffe:

  • Naivität: Junge Frau trifft älteren Witwer und betritt durch ihn die Welt des Adels.
  • Ortssensibilität: Ein Landsitz in Cornwall – das besagte Manderley – und die Liebe zu Orten, die stärker sein kann als zu Menschen
  • Obsession: Dreiecksbeziehung und Eifersucht oder: wenn eine Tote zur schlimmsten Nebenbuhlerin wird

"Vergangene Nacht träumte ich, ich wäre wieder in Manderley." So lautet der erste Satz des Romans, und dieser gilt als berühmt. Denn alles, an dem einst die Gefühle seiner Protagonisten hingen, existiert nicht mehr. Jedoch sind die Erinnerungen, aus denen sich die Romanhandlung entfaltet, schmerzhaft – und die Gegenwart nur mehr eine lebbare Existenz. Der Roman, der aus der Sicht einer jungen Frau und ehemaligen „Gesellschafterin“ erzählt wird, die bis zum Ende namenlos bleiben wird, entwickelt einen tiefen Sog. Denn es gibt den verwitweten Adligen Maxim de Winter, seine intrigante Haushälterin, und es gibt immer wieder REBECCA, Maxims erste Frau: Rebecca die Perfekte, die Schöne, die Weltgewandte, die Allgegenwärtige, in deren zerstörerischen Bann die Erzählerin versinkt. Doch Rebecca ist von Anfang an tot. Und die Umstände ihres Todes äußerst rätselhaft. War es ein Unfall? Erst als unsere Erzählerin erfährt, was wirklich geschah, kann sie ihre lähmende Eifersucht überwinden und wird zur Komplizin ihres Mannes.

Nebenwirkungen:

Sollte jemals Eifersucht als Liebesbeweis für Sie gegolten haben oder Ihnen gegenüber so argumentiert worden sein – dann lesen Sie Rebecca! Sie werden erleben, dass in Liebesangelegenheiten moralische Grenzen überaus verschiebbar sind. Daphne Du Maurier spielt auf unvergleichliche Weise mit Motiven von Schauer-, Romantik, Thriller und Entwicklungsroman, fügt diese mit unseren Ängsten und unkontrollierbaren Emotionen zusammen. Dies hat „der Meister des Suspense“, Alfred Hitchcock sofort nach Erscheinen des Romans 1938 erkannt. Seine Rebecca-Verfilmung wurde 1940 oscarprämiert, und Du Maurier liefert ihm später ebenfalls den Stoff für den weltberühmten Thriller Die Vögel.

Wechselwirkungen mit "Südlichter":

In „Südlichter“ erfahren wir die Lebensgeschichte von der Kalligrafin Colette Brillant, und warum sie aus Montelimar nach Condorcet gezogen ist, allein mit sich und einer neu aufgebauten Bibliothek: Aus Eifersucht auf Bücher, ihre Autoren und Autorinnen, verbrannte Colettes ehemaliger Ehemann ihre sämtlichen Leseschätze, von Kant bis Miller, von du Maurier bis Lindgren. Natürlich baut Colette ihre Bibliothek wieder auf, und sie lebt mit Büchern wie mit Lebensmitteln, die meisten stehen in ihrer Küche. So fühlt sie sich umfangen von guten Freunden und klugen oder heilsamen Gedanken… auch Daphne du Mauriers Rebecca findet sich darunter, ein Roman über Liebe, Eifersucht, Geheimnisse, und die Ohnmacht der Liebe.

Dosierung:

Literatur kann uns aus der Gegenwart entführen, besonders, wenn sie einen reinigenden Effekt in uns erzeugt. Wir sind meist erleichtert, dass wir schlauer und geerdeter sind als die meisten Menschen, die in Büchern vorkommen, und unser Leben weiterleben können. Aber Vorsicht: Im Falle Rebecca kann dies trügerisch sein, daher ist der Roman, der so eingängig daherkommt, mit Vorsicht zu genießen. Sein psychologischer Facettenreichtum, den die Neu-Übersetzerinnen Brigitte Heinrich und Christel Dormagen so gekonnt heraus locken, könnte in den Untiefen der Seele leise weiter vor sich hin arbeiten…

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BUCHTIPP 6: Ray Bradbury, Fahrenheit 451

 

Bradbury, Fahrenheit 451

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche

Bei politischem Motivationsbedarf, chronischem Non-Konformismus (unter anderem daran zu erkennen, dass Sie bereits als Kind Bilder über die Linien hinaus ausgemalt haben) sowie als Antwort auf die Frage: Wozu lesen? Wozu den Buchmarkt schützen? Deswegen auch als Geschenk geeignet, ohne dabei mit dem pädagogischen Zeigefinger zu nerven. Für alle, die das Lesen als Basis zur Entfaltung der geistigen Freiheit (wieder)erkennen und denen Bücher heilig sind.

Inhaltsstoffe:

  • Literatur-Tyrannei: Eine dystopische Welt, in der Menschen von Büchern befreit werden sollen, nachdem sie sich selbst nach und nach von Kultur und Kunst abgewendet haben. Ist so etwas möglich?
  • Mediengleichschaltung: Einige, bei denen der perfide Plan aufgehen wird, da sie nichts zu vermissen scheinen.
  • Poetische Rebellion: Wenige, die sich dagegen wehren und so ihr Leben aufs Spiel setzen.

Die Phantasie ist eine bemerkenswerte Gabe. In ausgeprägter Form führt sie zu nichts als Eigensinn und überaus störendem, gar mündigem Verhalten. In einem Staat, in dem so etwas wie die „Obrigkeit“ alle Bürgerinnen und Bürger kontrollieren und intellektuell gleichschalten möchte, damit sich niemand von einer kulturell gereiften Elite „diskriminiert“ fühlt, ist kein Platz für selbstdenkende und daher potentiell rebellische Individuen. Daher gehört die Fähigkeit zur Illusion, die Fantasie und das Wissen um zig Variationen von Lebensweisen gesetzlich abgeschafft, ja geradezu „ausgelöscht“, so, wie ein Feuer auszutreten ist. Natürlich nur zum Besten der Gesellschaft, die weder mit lästigen Fakten noch anstrengendem Wissenserwerb zu traktieren sei.
Und wer ist in Bradburys düsterer Gesellschaftsvision in „Fahrenheit 451“ (die Temperatur, ab der Papier brennt) für dieses Löschen zuständig? Die Feuerwehr, die es auf Bücher abgesehen hat, diese in Wohnungen aufstöbert und anzündet. Lesen gilt als schwerstes Verbrechen.
Guy Montag ist so ein Feuerwehrmann. Als er die 17-jährige Clarisse kennen lernt, die ihm Fragen stellt, zum Beispiel über das persönliche Glück, die ihm Wortgewandtheit beibringt, beginnen die ersten Zweifel in ihm zu reifen. Als eine Frau in den Flammen ihrer Bücher vor Guys Augen den Freitod wählt, tritt er einer Rebellengruppe bei, die ihre eigenen Methoden zur Bücherrettung entwickelt ....

Nebenwirkungen:

Fast könnte man meinen, dieser Roman von 1953 sei eine Parabel auf das heutige Internetzeitalter, in der das Interesse an Literatur und Kultur nach und nach von selbst zu erlöschen scheint. Aber, um der Langeweile vorzubeugen (Vorsicht: Langeweile regt zu gefährlicher Ideenfindung an!), setzt die Staatsgewalt in „Fahrenheit 451“ den Menschen bequem erhältliche Drogen und permanente Mitmach-Shows auf riesigen Videoleinwänden entgegen.
Man fühlt sich auf zunächst unkomfortable Art und Weise ertappt: beim Prokrastinieren in sozialen Netzwerken, beim Überfliegen von vorbeisausenden Belanglosigkeiten, beim Wiederholen von Schlagzeilen, deren Artikel man nicht genau zu Ende las, … Ein spontaner digitaler Detox samt Nebenwirkungen eines kalten Entzugs von Amüsement und Ablenkung könnte einsetzen und zu temporär schlechter Laune führen. Als Ausgleich ist der Besuch der örtlichen Bibliothek oder des Buchhandels zu empfehlen, oder die Gründung eines Lesekreises – mit anderen poetischen Rebellen.

Wechselwirkung mit „Südlichter“:

„Bücher sind nichts für Feiglinge“: Diesem Prinzip ist in Südlichter ein ganzes Kapitel gewidmet und kaum ein Roman könnte dieser These besser gerecht werden als Bradburys „Fahrenheit 451“. Im Laufe seiner Rezeptionsgeschichte wurde sein Titel immer wieder als Synonym für Zensur eingesetzt.
Feuerwehrmann Guy Montag erscheint uns zudem wie ein Alter Ego der Figur des Trödelhändlers Francis Meurienne: Zunächst unbelesen beginnen beide eine Liebesaffäre mit Büchern. Und wie in allen stürmischen Beziehungen können sie dann nicht mehr von ihnen lassen.

Dosierung:

Wenn man ganz sicher gehen möchte, sollte man sich eines der 200 Exemplare der Erstauflage besorgen. Diese wurden seinerzeit auf asbesthaltigem Material gedruckt, damit sie auf keinen Fall entflammbar sind. Man kann aber auch auf dieses und generell auf Bradburys Werke achtgeben. „Fahrenheit 451“ ist ein schmales Bändchen, in der Diogenes-Ausgabe (übersetzt von Fritz Güttinger) kaum 180 Seiten lang. Der Roman wirkt wie ein Langzeitmedikament, das man hinter der Stirn zergehen lassen sollte, da sich seine Wirkung in kleinen Leseetappen besonders entfaltet.

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BUCHTIPP 5: Charlotte Brontë, Jane Eyre

 

Bronte, Jane Eyre

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche

Hohe Intoleranz gegenüber Stereotypen und „Ideal-Frauen“, akutes Rationalitäts-oder-Intuitions-Dilemma, Sehnsucht nach Romantik und Gerechtigkeit, sowie chronische Gegenwarts-Phobie.

Inhaltsstoffe:

  • Echte Partnerschaft: Zwei Liebende auf der Suche nach einer Verbindung jenseits von Geld, Konventionen und Standesdünkel
  • Mut und Entschlossenheit: Eine junge Frau, die „Nein“ sagen kann – auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts
  • Zeitreisen und Körpertausch: viktorianisches Umfeld, alter Glaube, vergessene Poetik und die Ich-Perspektive der Erzählerin Jane vermitteln einen bisweilen Tranceartigen Wirklichkeitssprung in eine untergegangene Welt

Heute würden wir sagen: ein klassischer Cinderella-Roman. Mittellose, junge und belesene Frau, grausam von fernen Verwandten behandelt, verliebt sich in begüterten, aber geheimnisvollen Mann und beide müssen Intrigen, Missverständnisse und Katastrophen überwinden, bis sie schließlich zusammen kommen. Soweit so gut. Nur dass Jane keine liebliche Prinzessinnen-Anwärterin und ihr Rochester weit entfernt davon ist, ein Traumprinz zu sein. Auch ist der „Love-Interest“ nur vordergründig von Standesunterschieden geprägt, sind doch beide auf der Suche nach der reinen, wahren Liebe, die nicht von materiellen Abhängigkeiten lebt. Soviel sei verraten: Man(n) tut sich deutlich schwerer mit dieser Idee – Rochester muss einiges durchmachen und das Liebespaar, das in so gar kein Klischee passen will, immer wieder zwischen Rationalität und Vertrauen, zwischen Intuition und Vernunft entscheiden.
Als der Roman 1847 erschien, war Jane, die wortgewaltige, ehrliche und mutige Hauptprotagonistin, fast zu viel für das viktorianische England. In zahlreichen Neuübersetzungen (wir stellen hier die Übersetzung von Bernhard Schindler vor, mit einem Nachwort von Klaus Mann über die Brontë-Schwestern) des
Charlotte Brontë-Romans zeigt sich die poetische, kraftvolle und durchaus auch ungewohnte Sprache der Brontë. Dies verändert den eigenen Wortschatz.

Nebenwirkungen und Kontraindikation:

Nach dem ersten tiefen Schrecken über die – gar nicht so übertriebene – gleichgültige Ungerechtigkeit, mit der Jane zurechtkommen muss, folgt das drängende Nachdenken: Über das, was Frauen schon immer hätten erreichen können, bereits erreicht haben und unter welchen Bedingungen das Erreichte erkämpft werden musste.

Jane Eyre erschien zunächst unter dem männlichem Pseudonym "Currer Bell" – eine zu dieser Zeit gängige Praxis, da Romanen von Frauen nicht sonderlich viel Publikum zugetraut wurde. Erstaunlich daran ist, dass dieses Werk mit frühem feministischem Gedankengut überhaupt der Feder eines Mannes zugetraut wurde …
Achtung: nicht bei Liebeskummer anzuwenden.

Wechselwirkungen mit Südlichter:

Jane Eyre befindet sich unter der Buchauswahl der Hotelbesitzerin Vida Lagetto, die sie unter dem Aspekt „Flucht- und Friedensorte für die Seele“ trifft – Vida wünscht sich Janes Mut, um eine traurige Situation verlassen zu können, und noch mehr sehnt sie sich nach einem Gefährten, um nicht ungeliebt zu verblühen, dort oben in der Stille der Berge.

Marie-Jeanne lernt bei der Lektüre von Jane Eyre, dass Bücher eine erstaunliche Alchemie in sich tragen: Sie erreichen mit unsichtbaren Botschaften zwischen den Zeilen das menschliche Herz, brechen es auf und verändern den Lesenden für immer.

Dosierung:

Charlotte Brontë bezeichnet Jane Eyre als „eine Autobiografie“ – das Dokumentarische und Authentische des Romans macht einen Teil seiner Faszination aus. An einem dunklen Herbsttag kann die Literaturarznei allerdings Melancholie auslösen; goldene Oktobertage dagegen sind hervorragend geeignet, um das Gelesene bei einem Spaziergang sacken zu lassen.

Diese Gewohnheit führt allerdings zu den drei Brontë-Schwestern, allesamt herausragende Schriftstellerinnen, deren Werke äußerst stimulierend auf die Introspektion wirken. Zur weiteren vertieften Selbstbetrachtung zu empfehlen sind etwa Sturmhöhe oder Agnes Grey.

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BUCHTIPP 4: Jules Verne, Reise zum Mittelpunkt der Erde

 

Verne, Reise zum Mittelpunkt der Erde

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche

Bei akuter Gegenwartsphobie, leichtem Liebeskummer und Entschleunigungs-Defizit. Außerdem wirksam für Heimlichabenteurer und Phantasie-Reisende, die sich bereits als Kind gewünscht haben, ohne die Erwachsenen die Welt zu entdecken, oder vielleicht sogar kurzzeitig von zu Hause ausgebüxt sind. So wie Jules Verne es übrigens als Elfjähriger ebenfalls versucht hat.

Inhaltsstoffe:

  • Neugier: Ein geheimnisvolles Dokument, dessen Entschlüsselung zu einer utopischen Reise anstiftet
  • Loyalität: Ein leidenschaftlicher Wissenschaftler und sein unbedarfter Neffe und Mitstreiter bilden eines der charmantesten Gegensatzpaare der Weltliteratur
  • Horizonterweiterung: Eine phantastische unterirdische Welt, gespickt mit wissenschaftlichen Anspielungen und den damals (1864) populären Zukunfts-Utopien des 19. Jahrhunderts

Eine Reise, die das Gegenteil moderner Pauschalreisen nachzeichnet: Die Art und Beschaffenheit des Ziels ist von Anfang an unbekannt. Ist es im Erdinneren nun glühend heiß oder eiskalt? Reist man nach Norden oder Süden, wenn man eigentlich zur Mitte der Kugel will? Dieses Googlemaps-befreite Unwissen verleiht dem Roman (In der deutschen Neuübersetzung von Volker Dehs) seinen Spannungsbogen und lässt uns als Leserinnen und Leser gemeinsam mit Professor Lidenbrock, Neffe Axel und Begleiter Hans hinter jeder Biegung der unterirdischen Welt mit Herzklopfen eine neue Überraschung erleben.
„Alles, was ein Mensch sich vorzustellen vermag, werden andere Menschen irgendwann verwirklichen können.“ Weise Worte des Künstlers Verne – sagt man doch, der französische Schriftsteller habe mit präziser technischer Intuition manche später realisierte Entwicklung vorweggenommen. „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ist jedoch bis heute nicht Realität.

Nebenwirkungen:

Vorsicht, dieser Roman kann Empathie, Phantasie und Perspektivwechsel auslösen! Weitere Begleiterscheinungen: Forscherdrang und den Wunsch, dafür auch größere Strapazen auf sich zu nehmen – vielleicht einen Berg zu besteigen, sich der Natur als letzte große Herausforderung zu stellen und dieser mit dem nötigen Respekt zu begegnen. Dieser Klassiker der Science Fiction Literatur erleichtert zudem Leseanfängerinnen oder Lese-Entwöhnten den (Wieder-)Einstieg in die unendlich vielfältige Welt der Bücher – und damit eine Reise zum Mittelpunkt des eigenen, unbekannten Ich.

Wechselwirkungen mit Südlichter:

Die Himmelsrichtung „Süden“ spielt in beiden Romanen eine zentrale Rolle. Sei es als räumlicher Sehnsuchtspunkt oder auch großer Irrtum in Sachen (Liebes-)Navigation. Reise zum Mittelpunkt der Erde ist das einzige Buch, das Pierre Moissonnier, seines Zeichens in die Handschrift einer unbekannten Frau verliebter Restaurantbesitzer und Nichtleser, spontan ergreift und lesen möchte. Um die Welt und sich zu verstehen – denn wer liest, liest sich selbst.

Dosierung:

„Der Weg ist das Ziel“! Man kann Jules Vernes „Reise“ als Arznei bezeichnen, die so wohltuend ist, dass der Moment ihrer Einnahme, bereits der erste Schritt in das eigene Welteninnere ist. Noch mehr verstärkt wird dieses Selbstentdeckungserlebnis durch die Taschenbuchausgabe des dtv-Verlags mit den Original-Illustrationen der Erstausgabe von 1864 von Édouard Riou.

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BUCHTIPP 3: Harper Lee, Wer die Nachtigall stört

 

Harper Lee_Nachtigall

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche:

Bei allgemeiner Resignation, politischem Motivationsmangel und der Frage: „Und was ich kann ich tun, um die Gesellschaft, die Welt, das Miteinander zu verbessern? Kann ich überhaupt etwas tun?“

Inhaltsstoffe:

  • Menschlichkeit: gute Menschen, böse Menschen und Menschen die man für böse hält, bis man sich seines Vorurteils bewusst ist
  • Werteheimat: die Weisheit der Kinder, die uns die Augen öffnet
  • Zeitlose Aktualität: ein großes Plädoyer für Gerechtigkeit und gegen Rassismus

Alles in diesem Roman spiegelt sich im Blick eines Kindes, der achtjährigen Scout. Ihr Vater, Atticus, ein Anwalt und Menschenfreund, die Bewohner des Örtchens Maycomb in den amerikanischen Südstaaten der 30er Jahre, der unheimliche Nachbar, der den Kindern Geschenke in einem alten Baum versteckt und die kleinen Abenteuer eines heißen Sommers. Auch sehen wir mit Scouts Augen, wie die hermetische Welt allmählich überschattet wird von Vorurteilen und geschürter Angst. Jemand wird fälschlich eines Verbrechens beschuldigt, es folgen ein Gerichtsverfahren, das Gerechtigkeit bringen soll und das Leben, das jedoch ein ganz anderes Spiel spielt.

Wenn sehr junge Menschen ihre Stimme erheben und die Welt der „Erwachsenen“, die unsere Welt ist, beurteilen, schrecken wir mitunter auf, hören im besten Fall zu, und sind nicht selten beschämt. Wer die Nachtigall stört konnte daher unmittelbar nach Erscheinen 1960 in den USA zum Bestseller werden und ist bis heute in den Vereinigten Staaten eines der zehn meistverkauften Bücher.

Nebenwirkungen:

Episodische Desillusionierung, Tränen der Trauer, um das, was hätte sein können, und spontanes Erwachsenwerden können anfallsweise auftreten. Spätfolgen: Optimismus und der innige, ruhige Wunsch, an der Gestaltung einer besseren Welt mitzuwirken, und sei es nur durch Hinschauen – und nicht Wegschauen.

Wechselwirkungen mit Südlichter:

Wer die Nachtigall stört taucht in Südlichter als eines jener „Schulbücher des Lebens“ auf, die ein ganzes Dorf verändern können – denn viele Einwohner um Nyons, wie etwa Elsa Meurienne, schauen auf italienische Wurzeln zurück. Sie kennen es nur zu gut, Vorurteilen begegnen zu müssen. Dass Harper Lees Bestseller das Zeug dazu hat, die eigenen Vorbehalte gegenüber Gruppen, Gewohnheiten oder Aussehen zu spiegeln und zu mindern, beweist die Aktion „One City, One Book“, die 2001 in Chicago stattfand. Über mehrere Wochen wurde der Roman in ausreichender Menge von öffentlichen Bibliotheken zur Verfügung gestellt und die Bevölkerung der Stadt zum Lesen aufgefordert.

Dosierung:

Bücher von Harper Lee kann man nicht überdosieren. Im Gegenteil, sie sollten regelmäßig lesenderweise eingenommen werden. Als Ergänzung lassen sich aktuelle Romane von Margret Atwood (Übersetzung u.a. Helga Pfetsch) sowie Sally Rooney (Übersetzung Zoe Beck) im Wechsel mit Lee genießen, um sich der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gesellschaft zu stellen.

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BUCHTIPP 2: Marcel Pagnol, Die Wasser der Hügel

 

Pagnol_Wasser (c) Bettina Halstrick

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche:

Akute Gefühle des Ungerecht-Behandeltwerdens, Familienstreit und Luxusprobleme. Empfohlen für Kopf-Cineasten, bei akuter Stadtmüdigkeit und Sehnsucht nach dem Duft und den Farben der ländlichen Provence.

Inhaltsstoffe:

  • Authentizität. Sinneseindrücke direkt vom Erzeuger – Marcel Pagnol ist in Aubagne geboren, wuchs in der Provence auf. Kaum ein anderer schildert intensiver das längst vergangene, karge und doch üppige Landleben
  • Sinnliche Stilistik. Die Sprache eines Erzähl-Gourmets, randvoll mit genau schraffierten Bildern und Assoziationen
  • Dysfunktionale Beziehungen. Eine Familiengeschichte, die vor keinem menschlichen Abgrund Halt macht – davon scheinbar unberührt: die faszinierende Figur der „Manon des Sources“

Ein kleines 150-Seelen-Dorf in der Abgeschiedenheit der Hochebene bei Marseille. Jeder kennt die Geheimnisse seines Nachbarn, aber man mischt sich nicht ein. Unter dem Berghof sprudelt eine kostbare Quelle. Für die Bewohner des Dorfes kann sie Fluch und Segen bedeuten. Für einige wird sie gar zur Tragödie. Erst das geheimnisvolle Quellenmädchen Manon kann die Ordnung des dörflichen Mikrokosmos wiederherstellen.

„Edle Wörter sind solche, die Bilder in sich tragen“, hat Marcel Pagnol einmal gesagt. Dass er auch Regisseur und Dramatiker zahlreicher Filme war, spürt man bei der spannungsvollen Lektüre seiner Romane. Als Vorlage für Die Wasser der Hügel diente ihm sein 1952 veröffentlichter Film Manon des Sources.

Nebenwirkungen:

Die deutsche Übersetzung des Romans durch die Dramatikerin Pamela Wedekind steht dem französischen Original in nichts nach. Wedekind übertrug auch weitere Werke des Autors meisterhaft ins Deutsche. „Pagnolismus“ kann daher entstehen, also der Drang, immer mehr Romane des Autors zu lesen und sich dabei an Kindheit, an Träume, an die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land zu erinnern.

Wechselwirkungen mit Südlichter:

Marcel Pagnols Romane werden den „widerborstigen Alten“ im Dorf Nyons empfohlen, die überaus misstrauisch auf den Einmarsch der Literatur in ihrem von Arbeit und Entbehrungen geprägten Alltag schauen. Doch Marcel macht ihnen den Einstieg in die Bücherwelt leicht, schließlich ist der Autor „einer von ihnen“.
Als Marcel Pagnol 1974 starb, so wird in Südlichter berichtet, tragen die Lavendelfelder Trauer.

Dosierung:

Die Wasser der Hügel ist ein typisches Depot-Arzneimittel: Die Darreichungsform als Doppelband, bestehend aus den beiden Büchern Jean Florette und Manons Rache in ungekürzter Gesamtfassung garantiert eine langanhaltende Wirkung. Man sollte zwischen den Bänden keine zu lange, am besten gar keine Pause einlegen; hierfür sind Wochenenden, an denen man der Familie entgehen und einfach nur lesen will, durchaus hilfreich.

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BUCHTIPP 1: Françoise Sagan, Bonjour Tristesse

 

Sagan_Bonjour Tristesse (c) Bettina Halstrick

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche

Bei Sommersehnsucht, Gefühlsverstockung, Lebenshunger und Neugier auf allzu menschliche Liebesfehler.

Inhaltsstoffe

  • Nostalgie: Die Côte d‘Azur und das Paris der 50-er Jahre
  • Sinnlichkeit: Die Liebe und ihre unberechenbaren Auswirkungen – von Glück über Eros bis Zerstörung
  • Gefühlsbäder: Federleichtigkeit und tiefe Melancholie im Wechselspiel

Ein Urlaub in Südfrankreich, Luxusvilla, unbeschwerte Tage. Liebesaffären können die ziellose Einsamkeit der 17jährigen Cécile und ihres charmant-gutaussehenden Vaters Raymond nicht dämpfen, sondern hüllen sie in eine Atmosphäre zarter Melancholie, unbestimmter Sehnsucht und Unentschiedenheit, die den ganzen Roman prägt. Doch die trägen Tage werden gestört, als sich Raymond nicht nur zwischen zwei, sondern drei Frauen entscheiden muss, und Cécile nicht zögert, für ihr eigenes Wohl die Liebe zu missbrauchen.

Ein Text, den die Autorin im Alter von 18 Jahren in einem Atemzug verfasste und der in faszinierender Zeitlosigkeit gesellschaftliche Moralvorstellungen im Handeln eines heranwachsenden Teenagers bricht.

Nebenwirkungen

Ein gelegentliches Herzweh oder leicht süßbitterer Nachgeschmack ist möglich und wurde bei einigen Leserinnen (besonders zum Erscheinen der Erstausgabe im Jahr 1954) beobachtet. Françoise Sagan traf den Nerv ihrer rastlosen, nach sich und neuen Moralvorstellungen suchenden Generation und war zugleich ein präzise Stilistin und ehrliche Erzählerin. Heute wäre die Sagan vielleicht YouTuberin und würde über die Liebe, die Einsamkeit in der Menge, dem Schein vor dem eigentlichen Sein, erzählen.

Wechselwirkungen mit Südlichter

Françoise Sagan schrieb den Roman innerhalb von sieben Wochen. Südlichter hat eine ähnliche Entstehungsgeschichte, denn die Liebe in all ihren Facetten erscheint spontan und ohne Vorankündigung. Bonjour Tristesse ist das erste von zahllosen Büchern, die im Roman eine Rolle spielen: zunächst als ein Buch, „das nur Probleme macht“ und mehr über menschliche Abgründe erzählt, als es je zuvor eine Schriftstellerin getan hat. Im Dorf Nyons hat man durchaus davon gehört, und von der Schriftstellerin, die „barfuß schnelle Autos fährt“. Es wird das Buch für die „jüngeren“ Einwohner im Dorf, das sie lehrt, sich selbst und das Leben anders zu betrachten: Glück und Liebe können nämlich in mehr als nur einer angenehmen Form auftauchen. (Unbedingt übersetzt von Helga Treichl lesen)

Dosierung

Besonders wirksam im Halbschatten eines südliches Lichts, in nicht zu kleinen Seiten-Dosierungen. Bei Entzugserscheinungen empfiehlt sich, Ein gewisses Lächeln von Françoise Sagan; das wiederum am Ende von „Südlichter“ einen entscheidenden Einfluss auf zwei Liebende haben wird.

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