Das Buch über die Liebe
aus dem Weltbestseller
»Das Lavendelzimmer«

Nina George Südlichter Nina George Südlichter
NINA GEORGE

SÜDLICHTER

Alles hängt mit allem zusammen, sagt die Liebe.

Ich weiß, sagt der Tod.

Das ist grauenhaft unlogisch, sagt die Logik.

Der Olivenbaum dachte sich dazu seinen eigenen Teil.

Kapitel 1. Die Liebe und das Mädchen

 

Marie-Jeannes Wiege stand unter einem Olivenbaum mit weit ausgebreiteter Krone, von dem manche sagten, er sei älter als achthundert Jahre, was er weder bestätigte noch verneinte (in seinem Alter redete man eh nicht mehr über das Alter).
Marie-Jeanne amüsierte sich prächtig über das silbrige Rascheln der Blätter, sie lächelten in der morgendlichen Brise des Pontias-Windes. Ein Nyonser Phänomen, ein Rest Magie in einem vorgeblich unmagischen Jahrhundert; der Wind war der ruhige Atem der vier Gebirgsrücken Essaillon, Garde Grosse, Saint-Jaume und Vaux, die Nyons schützend umstellten. Diese Berge, die am Morgen ausatmeten und das Tal entlang des Flusses Eygues mit den Kräuterdüften und der Kühle der Bergnächte erfrischten. Immer um dieselbe Zeit und nur für exakt eine halbe Stunde. Und die am Abend, nach Sonnenuntergang, wieder einatmeten. Dann schien der Windzug aus den Calanques und salzigen Buchten des fernen Meeres geschöpft worden zu sein, der kühle Luftstrom ließ den Lavendel und die wilde Minze duften und erlöste den Tag von der brütenden Hitze.Von der Küche aus – dem Lebensraum, wie ihn alle mazets in den Berghängen der Drôme Provençale besaßen, ein Raum zum Kochen, Reden, Schweigen, Geborenwerden und Auf-das-Ende-Warten – konnte Marie-Jeannes Großmutter Aimée Marie-Jeannes Wiege sehen, während sie zwischen dem Holzfeuer des Herds und dem Tisch hin und herging.
Aimée legte eine viel genutzte, geriffelte Tarteform mit Kartoffelscheiben, schwarzen Tanche-Oliven, Auberginen und frischem, rosenfarbenem Knoblauch aus, übergoss alles mit seidenweichem, heugrünem Olivenöl und hob kleine frischweiße Ziegenkäse aus der fromagerie aus einer Tonschale. Dann zerrieb sie getrockneten, zart nach Limonen duftenden Wildthymian zwischen den Fingern, den sie am Abend zuvor gepflückt hatte. Milch kühlte auf dem Fensterbrett in einem Topf ab, bald war es Zeit, Marie-Jeanne konnte durchaus energisch werden, wenn ihre Großmutter sich mit dem Mittagessen zu viel Zeit ließ. Immer wenn Aimées tausendfaltiges Gesicht sich ihrer Enkelin zuwandte, klärte es sich von der arbeitsamen Konzentration, die harten Falten nahmen die jungen Züge der Zärtlichkeit an.
Der alte, stolze Olivenbaum sang weiter sein Chanson für das Mädchen unter ihm, er sang das geheime Lied der Zikaden, dein Licht macht mich singend, er kitzelte ihre Nase und Wangen mit einem Spiel aus Schatten und Licht und ergötzte sich an den Fingerchen, die nach der atmenden Pontias-Brise griffen, am kullernden, gurgelnden, molligen Lachen aus der Mitte des winzigen Bäuchleins. Marie-Jeanne. Aimée.
Sie waren einander ihre ganze Welt. Aimée für Marie-Jeanne, und Marie-Jeanne für Aimée.
Liebe.
Ich sah ihr zu, Aimée, die ich vor vielen Jahren zuletzt berührt hatte, aber sie sah mich nicht. Kein Mensch vermag mich zu sehen, obgleich kein Mensch mich nicht kennt.
Ich bin das, was ihr die Liebe nennt.

 

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Über die Autorin

Nina George

Nina George / Foto: Helmut Henkensiefken

Die mehrfach ausgezeichnete internationale Bestsellerautorin und freie Journalistin Nina George, geboren 1973 in Bielefeld, schreibt seit 1992 Romane, Sachbücher, Essays, Reportagen, Kurzgeschichten, Blogs und Kolumnen. Ihr Roman Das Lavendelzimmer wurde in 36 Sprachen übersetzt und eroberte weltweit die Charts, so etwa die New York Times-Bestsellerliste in den USA.

Das Lavendelzimmer       Little Paris Bookshop

Mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Jens J. Kramer, schreibt Nina George als Jean Bagnol Provencethriller. Sie lebt in Berlin und in der Bretagne. 

Mehr über Nina George:

Offizielle Webseite

Interview mit Nina George zum neuen Roman, Südlichter

 

1) Woher kennen wir das Buch Südlichter bereits? Und wie kam es dazu, dass es nun veröffentlicht werden konnte?

Nina George: Der Pariser Buchhändler Jean Perdu aus meinem inzwischen in 37 Sprachen erschienenen Roman Das Lavendelzimmer, verkauft auf seinem Bücherschiff, der »Literarischen Apotheke«, Bücher wie Medizin für die Seele – aber nicht jedes Buch hilft bei jedem verborgenem Leiden. Kundig wählt er jene Werke aus, die die allzu menschlichen Sehnsüchte und Furchtsamkeiten kurieren, nur für ihn selbst gibt es kein Buch, das ihn von seiner Angst, noch einmal zu lieben, heilen kann. Er selbst hält sich seit zwanzig Jahren an einem schmalen Buch aus den 80er Jahren fest: »Südlichter« von dem unbekannten Schöpfer mit dem nom-de-plume (frz. für „Pseudonym“) »Sanary«. Perdu geht auf die Suche nach dem Autor und wird auf seiner Reise vom Leben und von der Wahrheit überrascht …

Südlichter war das letzte Buch, das Jean Perdu mit seiner großen Liebe Manon las, bevor sie eines Morgens wortlos verschwand. Es erzählt von Liebe und Süden, von der Alchemie der Bücher, es ist ihm Hoffnungs-, Flucht- und Erinnerungsort. Es erscheint ihm, als sei es nur für einen einzigen Menschen geschrieben worden.

Doch dieser französische Roman aus den frühen 80er Jahren existierte nur in meiner Fantasie.

Ich erhielt im Laufe der weltweiten Veröffentlichung des "Lavendelzimmers" ungeduldige, irritierte und fordernde Leserinnenbriefe aus Ohio, von der Isle of Skye, aus Johannisburg oder Australien, wo denn bitte sehr diese Südlichter verflixt noch mal zu finden seien? Antiquarisch vielleicht?

Südlichter, ein verschollenes, ungeschriebenes Werk, entstand also, weil die Leserinnen auf der ganzen Welt es vermissten. Ich übrigens auch: Ich wollte mir selbst ein Buch schreiben, in das ich mich hinein flüchten kann, darin wohnen, ich wollte die Liebe zu Wort kommen lassen und ihre geheime Beziehung zu Büchern.

Die Herausforderung lag darin, werktreu zu bleiben. Wer war »Sanary«? Anfang Zwanzig, sehnend nach jemandem, der ihm oder ihr die Welt ist, irgendwo im Frankreich der späten 70er Jahre, Wildpferde im Herzen, eine Schreibmaschine unter den Fingern. »Sanary« schrieb das Buch nur für einen einzigen Menschen, einen einzigen langen Brief an nur ein klopfendes Herz. Und genauso schrieb ich es, die erste Fassung in 37 Tagen, wie einen einzigen zweihundert Seiten langen Brief einer jungen Frau an einen fernen Mann, atemlos und ohne abzusetzen, ohne zu korrigieren. Erst in der zweiten Fassung wurde ich wieder zu mir selbst und konnte aus diesem »Liebes-Brief« einen »Liebe-Roman« machen.

 

2) »Südlichter« ist eine Geschichte über die Liebe in all ihren wunderbaren Gestalten. Welche sind es zum Beispiel?

Nina George: Wir machen uns unendlich viele kluge und auch erstaunlich dämliche Gedanken und Vorstellungen über die Liebe. Doch was denkt die Liebe über uns? Das wollte ich schreibend erkunden, und habe »Südlichter« aus der Sicht der Liebe erzählt, die auf uns Menschen schaut und sich bisweilen doch sehr wundert, was wir so alles mit ihr anstellen. Sie verschwenden,ignorieren, uns vor ihr fürchten… aber warum treffen zwei Menschen, die füreinander das größte Glück, die schönste Katastrophe, die schmerzhafteste Unmöglichkeit sind, überhaupt aufeinander? Warum so spät, so früh, warum, wenn es gerade leider gar nicht passt, und wieso muss Liebe auch nicht in eine Ehe münden – sondern kann in einem einzigen Nachmittagsspaziergang oder achthundert Briefen ohne einem einzigen Kuss, ihre ganze Erstaunlichkeitentfalten? Liebe hat viele Gesichter. Die der Freundschaft, der verzweifelten Unmöglichkeit, der Elternliebe, der Liebe zur Menschheit, zu Büchern. Liebe legt sich über die Orte, an denen man gemeinsam war, und in Gedanken wird man immer noch geliebt, selbst wenn der andere gegangen ist. Vermutlich ist Lieben das einzig Sinnvolle, was wir füreinander in einem Leben tun können.

 

3) Marie-Jeanne, die Heldin des Romans, hat eine besondere Gabe: Was bedeutet sie für ihr Schicksal und das anderer?

Nina George: Der Dichter Rumi schrieb einst: »Liebende treffen sich nicht irgendwann irgendwo. Sie sind schon immer verbunden«. Wie herrlich einfach das Liebesleben wäre, wenn man folglich vorher wüsste, wer die eine große Liebe ist, nicht wahr? Nicht unbedingt wahr: Marie-Jeanne entdeckt, dass sie die einzige ist, die diese sonst unsichtbaren Verbindungen, die Südlichter, wie sie sie nennt, zwischen Liebenden sehen kann. Selbst, wenn diese einander noch gar nicht kennen. Doch was fängt man damit an, wenn man erst 12 Jahre und Überlandbibliothekarin in Ausbildung ist? »Oh, Bonjour Madame, da drüben am Ziegenkäsestand, ja, genau, der aus Paris zugezogene Schriftsteller Monsieur Finkielkraut, das ist übrigens der Mann Ihres Lebens.« Vor allem muss Marie-Jeanne feststellen, dass das Schicksal, der Zufall und sogar die Liebe selbst es den Liebenden eben ungern einfach machen …

 

4) Die Geschichte entführt uns in den Süden Frankreichs, die Provence. Warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt?

Nina George: Die Drôme Provençale ist das Tor zu Frankreichs Süden. Ein auch heute noch vom Tourismus gnädig übersehenes Lavendelparadies voller Obst- und Olivenbäume, hoher, stiller Berge und kräuterduftiger Täler, melancholischer Gipfelfriedhöfe und unvergesslich klarer Sternenhimmel. Entfernungen werden nicht in Kilometern, sondern in Zeit angegeben, die Dörfer sind schwer erreichbar, es liegt tiefer Frieden über dem Land. Ich suchte einen Ort voller Sehnsucht, wo Magie und Märchen noch Raum haben. Ich hatte, bevor ich die ersten Sätze schrieb, immer ein bestimmtes Bild vor Augen: Eine junge Frau, die auf einen hohen Berg steigt, um dort oben eine für sie elementare Entscheidung zu treffen, atemlos in großer Höhe, umfangen von Himmel und Zauber, einsam, frei und wild entschlossen. Landschaften spiegeln in meinen Romanen die innere Beschaffenheit der Charaktere. Die Gegend um Nyons und Condorcet, die Berge wie der Lance, sind so natürlich und ehrlich wie Francis, so schartig wie Elsa, so duftend wie Loulou, so liebend wie Marie-Jeanne.

 

5) Eine Schlüsselrolle kommt den Büchern zu. Welche Wirkung trauen sie der Literatur zu?

Nina George: Jüngst schrieb mir eine Kanadierin, sie habe nach der Lektüre von Die Mondspielerin ihren Job gekündigt und sei in die Bretagne umgezogen und nun endlich glücklich. Eine Frau aus Amerika schrieb mir, ihre Mutter habe keine Angst mehr vor dem baldigen Tod gehabt, nachdem sie Das Traumbuch gelesen habe. Ein junger Mann aus England hat seine Banklehre abgebrochen und einen Buchladen aufgemacht, nach der Lektüre des „Lavendelzimmers“. Und das sind nur drei von etwa fünfzig, sechzig lebensverändernden Begebenheiten, die mir in den letzten acht Jahren erzählt worden sind, nachdem jemand einen meiner Romane las. Ich bin mir sicher, solche Auswirkungen haben nicht nur meine Bücher.

Bücher sind die letzte große Alchemie unserer Zeit. Sie können erreichen, dass Menschen ihr uneigentliches Leben verlassen, um ihr eigentliches zu finden. Und sind Bücher nicht die letzten Orte der Welt, in denen sich Menschen und Zeiten, Landschaften und Gefühle treffen, die einander sonst selten oder nie begegnen? Sie erschaffen, sie verwandeln, sie besiegen die Zeit, den Tod und die Angst. Sie schaffen unsichtbare Realitäten. Sie sind die stillen Türen, durch die wir gehen, um bei uns selbst anzukommen.

Bücher sind so nötig wie Lebensmittel. Es ist geradezu erstaunlich, dass Bücher und Brot voneinander getrennt verkauft werden. In Büchern lernt man Gefühle kennen, die man selbst vielleicht nie haben wird;andere Kulturen, neue Variationen von Lebenswegen, man lernt, wie andere Menschen fühlen und das schult wiederum den eigenen Sinn für Empathie und Nachsicht. Man geht besser miteinander um. Ich glaube fest daran: Wer liest, der lebt - wer nicht liest, weiß nicht, was er alles vom Leben und Menschsein verpasst.

Und: Bücher sind Gegengift der Tyrannei. Warum sonst werden sie als erstes von Diktatoren verboten? Bücher sind eben auch gefährlich: Sie machen den Menschen unabhängig. Wir sollten alle dafür sorgen, dass es weiter genügend Schriftstellerinnen und Schriftsteller gibt, und uns diesen Schatz der Zivilisation, der Demokratie, des Daseins, erhalten. Was hilft: Bücher kaufen, auch die, die schon ein bisschen länger gelebt haben als andere…

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Zehn Buchempfehlungen von Nina George

Die literarische Apotheke

Südlichter ist ein Buch über die Liebe - auch über die Liebe zu Büchern. Der Roman steckt voller Leseempfehlungen und setzt die Idee der "Literarischen Apotheke" aus Das Lavendelzimmer fort. Nina George hat einige Buchtipps daraus zusammengestellt. Immer wöchentlich bis 12. Oktober wird hier eine neue Empfehlung erscheinen.

BUCHTIPP 1: Françoise Sagan, Bonjour Tristesse

 

Sagan_Bonjour Tristesse (c) Bettina Halstrick

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche

Bei Sommersehnsucht, Gefühlsverstockung, Lebenshunger und Neugier auf allzu menschliche Liebesfehler.

Inhaltsstoffe

  • Nostalgie: Die Côte d‘Azur und das Paris der 50-er Jahre
  • Sinnlichkeit: Die Liebe und ihre unberechenbaren Auswirkungen – von Glück über Eros bis Zerstörung
  • Gefühlsbäder: Federleichtigkeit und tiefe Melancholie im Wechselspiel

Ein Urlaub in Südfrankreich, Luxusvilla, unbeschwerte Tage. Liebesaffären können die ziellose Einsamkeit der 17jährigen Cécile und ihres charmant-gutaussehenden Vaters Raymond nicht dämpfen, sondern hüllen sie in eine Atmosphäre zarter Melancholie, unbestimmter Sehnsucht und Unentschiedenheit, die den ganzen Roman prägt. Doch die trägen Tage werden gestört, als sich Raymond nicht nur zwischen zwei, sondern drei Frauen entscheiden muss, und Cécile nicht zögert, für ihr eigenes Wohl die Liebe zu missbrauchen.

Ein Text, den die Autorin im Alter von 18 Jahren in einem Atemzug verfasste und der in faszinierender Zeitlosigkeit gesellschaftliche Moralvorstellungen im Handeln eines heranwachsenden Teenagers bricht.

Nebenwirkungen

Ein gelegentliches Herzweh oder leicht süßbitterer Nachgeschmack ist möglich und wurde bei einigen Leserinnen (besonders zum Erscheinen der Erstausgabe im Jahr 1954) beobachtet. Françoise Sagan traf den Nerv ihrer rastlosen, nach sich und neuen Moralvorstellungen suchenden Generation und war zugleich ein präzise Stilistin und ehrliche Erzählerin. Heute wäre die Sagan vielleicht YouTuberin und würde über die Liebe, die Einsamkeit in der Menge, dem Schein vor dem eigentlichen Sein, erzählen.

Wechselwirkungen mit Südlichter

Françoise Sagan schrieb den Roman innerhalb von sieben Wochen. Südlichter hat eine ähnliche Entstehungsgeschichte, denn die Liebe in all ihren Facetten erscheint spontan und ohne Vorankündigung. Bonjour Tristesse ist das erste von zahllosen Büchern, die im Roman eine Rolle spielen: zunächst als ein Buch, „das nur Probleme macht“ und mehr über menschliche Abgründe erzählt, als es je zuvor eine Schriftstellerin getan hat. Im Dorf Nyons hat man durchaus davon gehört, und von der Schriftstellerin, die „barfuß schnelle Autos fährt“. Es wird das Buch für die „jüngeren“ Einwohner im Dorf, das sie lehrt, sich selbst und das Leben anders zu betrachten: Glück und Liebe können nämlich in mehr als nur einer angenehmen Form auftauchen. (Unbedingt übersetzt von Helga Treichl lesen)

Dosierung

Besonders wirksam im Halbschatten eines südliches Lichts, in nicht zu kleinen Seiten-Dosierungen. Bei Entzugserscheinungen empfiehlt sich, Ein gewisses Lächeln von Françoise Sagan; das wiederum am Ende von „Südlichter“ einen entscheidenden Einfluss auf zwei Liebende haben wird.

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BUCHTIPP 2: Marcel Pagnol, Die Wasser der Hügel

 

Pagnol_Wasser (c) Bettina Halstrick

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche:

Akute Gefühle des Ungerecht-Behandeltwerdens, Familienstreit und Luxusprobleme. Empfohlen für Kopf-Cineasten, bei akuter Stadtmüdigkeit und Sehnsucht nach dem Duft und den Farben der ländlichen Provence.

Inhaltsstoffe:

  • Authentizität. Sinneseindrücke direkt vom Erzeuger – Marcel Pagnol ist in Aubagne geboren, wuchs in der Provence auf. Kaum ein anderer schildert intensiver das längst vergangene, karge und doch üppige Landleben
  • Sinnliche Stilistik. Die Sprache eines Erzähl-Gourmets, randvoll mit genau schraffierten Bildern und Assoziationen
  • Dysfunktionale Beziehungen. Eine Familiengeschichte, die vor keinem menschlichen Abgrund Halt macht – davon scheinbar unberührt: die faszinierende Figur der „Manon des Sources“

Ein kleines 150-Seelen-Dorf in der Abgeschiedenheit der Hochebene bei Marseille. Jeder kennt die Geheimnisse seines Nachbarn, aber man mischt sich nicht ein. Unter dem Berghof sprudelt eine kostbare Quelle. Für die Bewohner des Dorfes kann sie Fluch und Segen bedeuten. Für einige wird sie gar zur Tragödie. Erst das geheimnisvolle Quellenmädchen Manon kann die Ordnung des dörflichen Mikrokosmos wiederherstellen.

„Edle Wörter sind solche, die Bilder in sich tragen“, hat Marcel Pagnol einmal gesagt. Dass er auch Regisseur und Dramatiker zahlreicher Filme war, spürt man bei der spannungsvollen Lektüre seiner Romane. Als Vorlage für Die Wasser der Hügel diente ihm sein 1952 veröffentlichter Film Manon des Sources.

Nebenwirkungen:

Die deutsche Übersetzung des Romans durch die Dramatikerin Pamela Wedekind steht dem französischen Original in nichts nach. Wedekind übertrug auch weitere Werke des Autors meisterhaft ins Deutsche. „Pagnolismus“ kann daher entstehen, also der Drang, immer mehr Romane des Autors zu lesen und sich dabei an Kindheit, an Träume, an die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land zu erinnern.

Wechselwirkungen mit Südlichter:

Marcel Pagnols Romane werden den „widerborstigen Alten“ im Dorf Nyons empfohlen, die überaus misstrauisch auf den Einmarsch der Literatur in ihrem von Arbeit und Entbehrungen geprägten Alltag schauen. Doch Marcel macht ihnen den Einstieg in die Bücherwelt leicht, schließlich ist der Autor „einer von ihnen“.
Als Marcel Pagnol 1974 starb, so wird in Südlichter berichtet, tragen die Lavendelfelder Trauer.

Dosierung:

Die Wasser der Hügel ist ein typisches Depot-Arzneimittel: Die Darreichungsform als Doppelband, bestehend aus den beiden Büchern Jean Florette und Manons Rache in ungekürzter Gesamtfassung garantiert eine langanhaltende Wirkung. Man sollte zwischen den Bänden keine zu lange, am besten gar keine Pause einlegen; hierfür sind Wochenenden, an denen man der Familie entgehen und einfach nur lesen will, durchaus hilfreich.

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BUCHTIPP 3: Harper Lee, Wer die Nachtigall stört

 

Harper Lee_Nachtigall

Für wen ist dieses Buch?

Indikation / Anwendungsbereiche:

Bei allgemeiner Resignation, politischem Motivationsmangel und der Frage: „Und was ich kann ich tun, um die Gesellschaft, die Welt, das Miteinander zu verbessern? Kann ich überhaupt etwas tun?“

Inhaltsstoffe:

  • Menschlichkeit: gute Menschen, böse Menschen und Menschen die man für böse hält, bis man sich seines Vorurteils bewusst ist
  • Werteheimat: die Weisheit der Kinder, die uns die Augen öffnet
  • Zeitlose Aktualität: ein großes Plädoyer für Gerechtigkeit und gegen Rassismus

Alles in diesem Roman spiegelt sich im Blick eines Kindes, der achtjährigen Scout. Ihr Vater, Atticus, ein Anwalt und Menschenfreund, die Bewohner des Örtchens Maycomb in den amerikanischen Südstaaten der 30er Jahre, der unheimliche Nachbar, der den Kindern Geschenke in einem alten Baum versteckt und die kleinen Abenteuer eines heißen Sommers. Auch sehen wir mit Scouts Augen, wie die hermetische Welt allmählich überschattet wird von Vorurteilen und geschürter Angst. Jemand wird fälschlich eines Verbrechens beschuldigt, es folgen ein Gerichtsverfahren, das Gerechtigkeit bringen soll und das Leben, das jedoch ein ganz anderes Spiel spielt.

Wenn sehr junge Menschen ihre Stimme erheben und die Welt der „Erwachsenen“, die unsere Welt ist, beurteilen, schrecken wir mitunter auf, hören im besten Fall zu, und sind nicht selten beschämt. Wer die Nachtigall stört konnte daher unmittelbar nach Erscheinen 1960 in den USA zum Bestseller werden und ist bis heute in den Vereinigten Staaten eines der zehn meistverkauften Bücher.

Nebenwirkungen:

Episodische Desillusionierung, Tränen der Trauer, um das, was hätte sein können, und spontanes Erwachsenwerden können anfallsweise auftreten. Spätfolgen: Optimismus und der innige, ruhige Wunsch, an der Gestaltung einer besseren Welt mitzuwirken, und sei es nur durch Hinschauen – und nicht Wegschauen.

Wechselwirkungen mit Südlichter:

Wer die Nachtigall stört taucht in Südlichter als eines jener „Schulbücher des Lebens“ auf, die ein ganzes Dorf verändern können – denn viele Einwohner um Nyons, wie etwa Elsa Meurienne, schauen auf italienische Wurzeln zurück. Sie kennen es nur zu gut, Vorurteilen begegnen zu müssen. Dass Harper Lees Bestseller das Zeug dazu hat, die eigenen Vorbehalte gegenüber Gruppen, Gewohnheiten oder Aussehen zu spiegeln und zu mindern, beweist die Aktion „One City, One Book“, die 2001 in Chicago stattfand. Über mehrere Wochen wurde der Roman in ausreichender Menge von öffentlichen Bibliotheken zur Verfügung gestellt und die Bevölkerung der Stadt zum Lesen aufgefordert.

Dosierung:

Bücher von Harper Lee kann man nicht überdosieren. Im Gegenteil, sie sollten regelmäßig lesenderweise eingenommen werden. Als Ergänzung lassen sich aktuelle Romane von Margret Atwood (Übersetzung u.a. Helga Pfetsch) sowie Sally Rooney (Übersetzung Zoe Beck) im Wechsel mit Lee genießen, um sich der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gesellschaft zu stellen.

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